Barbara Kuon, M.A.
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Lehrveranstaltungen
Sommersemester 2008
Das schwache, das andere, das befreite Geschlecht. Existenzialismus und Emanzipation - Simone de Beauvoir
"Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es." Dieses berühmte Zitat von Simone de Beauvoir wird im Zentrum des Seminars stehen, in dem der moderne, von Beauvoir begründete Feminismus als ein Fall von angewandtem Existenzialismus untersucht werden soll. Neben Werken von Simone de Beauvoir ("Das andere Geschlecht", "Das Alter") werden Texte aus der jüngeren feministischen Theorie, u.a. von Judith Butler ("Das Unbehagen der Geschlechter", "Körper von Gewicht") gelesen und diskutiert. Auch apodiktische Stimmen wie die von Camille Paglia ("Masken der Sexualitat") und Otto Weininger ("Geschlecht und Charakter") sollen zu Wort kommen. Das Seminar versteht sich als Fortsetzung des Sartre-Seminars vom Wintersemester (ohne dass der Besuch des letzteren Voraussetzung für die Teilnahme wäre).
Wintersemester 2007/2008
Kunst und Engagement
Sein Konzept einer engagierten Kunst hat Jean-Paul Sartre, der Popstar des französischen Existenzialismus, in polemischer Auseinandersetzung mit einer dem ästhetizismus huldigenden, bloß konsumierenden und parasitären Künstler-Aristokratie entwickelt. Dabei kann Engagement nicht einfach mit politischer oder tendenziöser Kunst gleichgesetzt werden und ist durchaus von Ambivalenz gekennzeichnet. So sieht Sartre etwa in dem von ihm sogenannten "Terrorismus der Höflichkeit" Mallarmés oder in Flauberts Maxime "Wer verliert, gewinnt" äußerste Formen des Engagements. Im Zentrum des Seminars steht eine intensive Lektüre von Sartres philosophischem Hauptwerk "Das Sein und das Nichts", begleitet von literarischen und kunstkritischen Texten Sartres (u.a. "Mallarmés Engagement").
Sommersemester 2007
De Sade und der Terror der Aufklärung
Seit Platon wissen wir, dass philosophische und erotische Erziehung zusammenhängen, und dass die Wahrheit eine erotische Dimension hat. Der Marquis de Sade hat wie kein anderer die dunkle, negative Seite dieses philosophischen Eros offengelegt. Zugleich hat er das philosophische Projekt der Aufklärung bis zur letzten bitteren Konsequenz betrieben: Der Mensch ist Teil der Natur (und sonst nichts), und Natur bedeutet Anarchie, Kampf und Zerstörung. Eins sein mit der Natur heiflt also zerstören und töten. Dem Terror der Aufklärung entspricht bei de Sade der Terror der philosophisch-erotischen Exerzitien, deren Zwangsmechanismen er demonstriert. Zugleich liefert er eine elegante Parodie dieser Praxis des Herbeiführens "zwingender Einsicht". Im Zentrum des Seminars stehen die Hauptwerke de Sades ("Die Philosophie im Boudoir", "Justine", "Juliette"). Daneben werden ausgewählte Texte der Aufklärung ("Der Mensch eine Maschine" von La Mettrie, "Rameaus Neffe" von Diderot) sowie Kommentare zu de Sade von Theodor W. Adorno, Simone de Beauvoir, Georges Bataille, Roland Barthes und Jacques Lacan gelesen und diskutiert.
Wintersemester 2006/2007
Kunst und Krankheit.
Kultur und Industrie
Nicht nur im Fin de Siècle, sondern auch heute wieder werden literarische und künstlerische Produkte als Symptome angeschlagener individueller oder sozialer Körper interpretiert. Die abwertende Diagnose der "Kulturärzte" lautete einst, am Ende des 19. Jahrhunderts: Dekadenz und Degeneration. Dekadenz steht für Künstlichkeit, Überfeinerung, Erschöpfung, Verwesung und Zerfall. Die "Patienten" von damals kultivierten hingegen die utopische Dimension von Krankheit: Künstlichkeit, Überfeinerung, Erschöpfung, Verwesung und Zerfall lassen sich durchaus genie?en. Mehr noch, es handelt sich dabei um Zustände der Erlösung des Körpers in einer Welt, aus der die Naturwissenschaften Geist, Gott, Metaphysik und Transzendenz verbannt haben. Zugleich aber kommt Dekadenz immer dort ins Spiel, wo Kunst auf Markt, wo Kultur auf Industrie trifft. Neben Diagnosen von "Kulturärzten" (C. Lombroso, M. Nordau) und heutigen Vertretern der Soziobiologie werden im Seminar Texte von Baudelaire, Huysmans, Mallarmé, Nietzsche, Benjamin, Adorno, Sartre, Derrida und Agamben gelesen.
Sommersemester 2003
Entweder – oder. Das Subjekt als Readymade
Im philosophischen Diskurs von Sören Kierkegaard wurde zum ersten Mal die Lage einer Subjektivität reflektiert, die nach dem von Hegel proklamierten "Ende der Geschichte" ihre historische Aufgabe verloren hat. So stellt sich die Frage: Wie kann die menschliche Subjektivität sich selbst bestimmen, wenn alle historischen Möglichkeiten ihrer Realisierung erschöpft sind und sie in diesem Sinne bereits fertig sind? Diese Fragestellung ist nach wie vor gültig, weswegen die Autoren unserer Zeit ständig auf die Grundfiguren des Kierkegaardschen Denkens zurückgreifen. Im Seminar werden die Schriften von Kierkegaard unter dieser Perspektive gelesen und diskutiert.
Wintersemester 2002/2003
Was ist das Leben?
Mit Beiträgen zur Biopolitik und zum "nackten Leben" haben sich Stars der aktuellen philosophisch-politischen Szene wie Foucault, Negri/Hardt und Agamben etabliert. Nach Gott, der Natur, der Geschichte, den Produktionsverhältnissen, dem Unbewussten ist nun also das Leben zum alles tragenden Medium ausgerufen worden. Doch was ist das Leben? Und wie kann man sich dem Leben nähern? Der Philosoph Henri Bergson entwickelt eine Metaphysik des Lebens, in der Philosophie als strenge Wissenschaft sich nicht mehr am Modell der Mathematik (Descartes), sondern am Modell der Biologie ausrichtet. Dabei bekämpft er jeden Versuch einer erschöpfenden positivistisch-naturwissenschaftlichen Erforschung und Beschreibung der Lebensvorgänge, wie ihn etwa die Gehirnforschung unternimmt – denn das Gehirn, so Bergson, ist weder Ursache noch Reservoir der Bilder in unserem Bewusstsein, sondern selbst ein Bild, und ein Bild kann andere Bilder nicht erzeugen oder determinieren – allenfalls mit ihnen interagieren. Für Bergson verfehlen die Naturwissenschaften wie auch die traditionelle Metaphysik, die beide mit einer verräumlichten, homogenisierten Zeit operieren, die eigentliche Dimension des Lebens, die in der reinen Dauer (pure durée) liegt. Im Zentrum des Seminars steht Bergsons Schrift "Materie und Gedächtnis", flankiert von Texten von Gilles Deleuze ("Le bergsonisme"), William James, Georg Simmel u.a.
Vom Gesamtkunstwerk zur totalen Installation
Von der Idee des Gesamtkunstwerks – der wechselseitigen Durchdringung und Verschmelzung aller Künste zu einer einzigen Kunst, die alle Sinne gleichzeitig anspricht - zur Idee der totalen Installation, der totalen Gestaltung der Umgebung des Betrachters. In der Kunst der Installation, die bis heute wenig reflektiert wurde, wehrt sich der Künstler definitiv gegen die Freiheit und den willkürlichen Kunstkonsum des Betrachters: Der Betrachter wird gleichsam in eine Falle gelockt, seine Wege werden gelenkt, seine Positionen vorgegeben, seine Wahrnehmung wird manipuliert. In vielen Video- und Kinoinstallationen werden auflerdem die Zeit und die Aufmerksamkeit, die der Betrachter mitbringt, programmatisch ¸berfordert. Anhand verschiedener Installations-Arbeiten sowie einiger Texte (u.a. Ilya Kabakov, "Die totale Installation"; Oskar Bätschmann, "Ausstellungskünstler") soll vor dem Hintergrund des einstmaligen "Hangs zum Gesamtkunstwerk" (H. Szeemann) der aktuelle Hang zur Installation diskutiert werden.
Sommersemester 2002
Was heiflt Engagement?
Hat alles ästhetische notwendigerweise ethische Implikationen? (Muss beispielsweise ein Buch, das ein Lob des Antisemitismus singt, nicht zwangsläufig ein schlecht geschriebenes Buch sein?) Ausgehend von dieser Frage und in heftiger Polemik gegen eine ästhetizistische, bloß konsumierende und parasitäre Künstler-Aristokratie entwickelte Jean-Paul Sartre, der Prototyp des engagierten Autors, sein Konzept einer engagierten Kunst. Engagiert ist laut Sartre eine Kunst, die nicht an ein Publikum von Toten oder zukünftigen Menschen appelliert, sondern reflektiert, dass der Mensch sich jederzeit "in Situation" befindet, dass er zur Freiheit "verurteilt" ist und sich stets erneut entwerfen muss. Dabei kann Engagement nicht einfach mit politischer oder tendenziöser Kunst gleichgesetzt werden und ist durchaus von Ambivalenz gezeichnet. Sartres Theorie des Engagements sowie seine Performance des Engagements lösten in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts heftige Diskussionen aus. Im Seminar werden sowohl ausgewählte philosophische und literarische Schriften von Sartre ("Das Sein und das Nichts", "Was ist Literatur?", "Die schmutzigen Hände") gelesen als auch Autoren aus dem Umkreis dieser Diskussionen wie Julien Benda ("Der Verrat der Intellektuellen"), Albert Camus ("Der Mensch in der Revolte"), Maurice Merleau-Ponty ("Die Abenteuer der Dialektik") und Raymond Aron ("Opium für Intellektuelle").
Wintersemester 2001/2002
Biomacht: leben machen und sterben lassen
Seit der moderne Staat sich den Schutz, die Stärkung und die Steigerung des Lebens seiner Population zur Aufgabe gemacht hat, kann man laut Michel Foucault von "Biopolitik" sprechen. Im Mittelpunkt des Seminars steht Foucaults Konzept der "Biomacht", mit dem er zeigt, warum nicht nur totalitäre und rassistische, sondern auch liberal-demokratisch verfasste Gesellschaften Unterscheidungen zwischen gesunden und kranken, lebenswerten und lebensunwerten Lebensformen treffen.
